Netto‑Null-Fahrplan: Praxisbeispiel Kläranlagen

10.02.2026

Kläranlagen verfügen über ein grosses Potenzial zur Reduktion von N₂O‑ und CH₄‑Emissionen. Ein Netto‑Null‑Fahrplan für Infrastrukturen unterstützt Betreiberinnen und Betreiber dabei, die gesetzlichen Klimaziele wirtschaftlich zu erreichen. Durch nachhaltige Bauherrenunterstützung im Tiefbau und gezielte Massnahmen lassen sich CO₂‑Bilanz und Investitionsplanung optimal vereinen – für eine zukunftssichere Abwasserreinigung im Einklang mit den Schweizer Klimazielen.

1. Einleitung

Die kommunale Infrastruktur bildet die Grundlage unseres Alltags – und sie soll auch den Kindern von morgen ein verlässliches Zuhause bieten. Damit dies gelingt, muss die Erderwärmung verlangsamt werden, und genau hier spielt die Infrastruktur ein entscheidendes Puzzleteil.

Der Bau von Strassen, Werkleitungen und Entwässerung prägt die indirekten, grauen Emissionen im Schweizer Bauwesen. Sie machen schätzungsweise 5–15 % der schweizweiten Emissionen aus. Diese Emissionen sind indirekt reduzierbar.

Die direkten Emissionen (Scope 1) der Infrastrukturbetriebe werden in der Regel von Kläranlagen dominiert: Sie verursachen rund 0,7 Mio. t CO₂‑Äquivalente pro Jahr (nicht‑biogen). Dies entspricht 1–2 % der inländischen Treibhausgasemissionen [1, 2]. Wesentlich sind die Lachgas (N₂O) Emissionen, welche den grössten Teil der ARA‑Emissionen ausmachen. Neben Lachgas werden auch Methan (CH₄) und geringe Mengen fossiles CO₂ emittiert. Diese Emissionen können direkt beeinflusst werden.
Treibhausgasemissionen von Scope 1 (links) bis zu Scope 3 (rechts), mit den wichtigsten Hinweisen zu Quellen und Massnahmen. Datenquelle Scope 1+2: Bützer et al., Aqua & Gas 2025/11. Quelle Scope 3: Eigene Berechnungen mit dem BFE Scopes tool (V5.2).
Treibhausgasemissionen von Scope 1 (links) bis zu Scope 3 (rechts), mit den wichtigsten Hinweisen zu Quellen und Massnahmen. Datenquelle Scope 1+2: Bützer et al., Aqua & Gas 2025/11. Quelle Scope 3: Eigene Berechnungen mit dem BFE Scopes tool (V5.2).

Abbildung: Treibhausgasemissionen von Scope 1 (links) bis zu Scope 3 (rechts), mit den wichtigsten Hinweisen zu Quellen und Massnahmen. Datenquelle Scope 1+2: Bützer et al., Aqua & Gas 2025/11. Quelle Scope 3: Eigene Berechnungen mit dem BFE Scopes tool (V5.2).

Erste Beispiele von grösseren Kläranlagen in Europa und der Schweiz zeigen, dass durch Prozessoptiomierungen und den gezielten Umgang mit der Abluft, die direkten Emissionen um bis zu 90% reduziert werden können [Quellen auf Anfrage]. 

In der Schweiz gibt es über 800 Kläranlagen, davon rund 550 kleiner als 10’000 EW [8]. Genaue Angaben zu den effektiven Emissionen und Reduktionspotentialen fehlen. Es ist aber davon auszugehen, dass bei vielen Anlagen kosteneffektive Massnahmen möglich sind.


2. Warum Klaeranlagen jetzt handeln sollten

Seit dem 1. Januar 2025 gilt das Klima‑ und Innovationsgesetz (KlG). Es verankert das Netto‑Null‑Ziel 2050 und setzt verbindliche Zwischenziele für Bund, Kantone, Gemeinden und Unternehmen. Viele Kantone und Städte gehen noch weiter – etwa der Kanton Zürich mit Netto‑Null 2040 (spätestens 2050) oder Basel‑Stadt mit Netto‑Null 2037. Damit wird die Dekarbonisierung von Kläranlagen nicht nur fachlich sinnvoll, sondern politisch klar eingefordert.

Treibhausgasemissionen von Scope 1 (links) bis zu Scope 3 (rechts), mit den wichtigsten Hinweisen zu Quellen und Massnahmen. Datenquelle Scope 1+2: Bützer et al., Aqua & Gas 2025/11. Quelle Scope 3: Eigene Berechnungen mit dem BFE Scopes tool (V5.2).
Treibhausgasemissionen von Scope 1 (links) bis zu Scope 3 (rechts), mit den wichtigsten Hinweisen zu Quellen und Massnahmen. Datenquelle Scope 1+2: Bützer et al., Aqua & Gas 2025/11. Quelle Scope 3: Eigene Berechnungen mit dem BFE Scopes tool (V5.2).

Abbildung: Die gesetzliche Pflicht zu Netto-Null ist auf nationaler, kantonaler und teilweise komunaler Ebene festgelegt

Es gilt das Kredo [6]:

Vermeiden, reduzieren - verbleibende Restemissionen kompensieren.

Die Prozessemissionen der ARA sind technisch beherrschbar: Lachgas aus der Biologie und Faulwasserbehandlung sowie Methan aus Biologie- und Schlammstrasse lassen sich teilweise vermeiden und technisch deutlich reduzieren. Etwa durch Abluftbehandlung, thermische Behandlung, Abdeckungen und konsequentes Leckage‑Management.

Langfristig gewinnt auch Scope 3 an Bedeutung: Betriebsmittel wie Aktivkohle und Chemikalien sowie Bau und Logistik prägen zunehmend die Klimabilanz. Viele Tiefbauämter entwickeln derzeit Grundlagen für nachhaltige Beschaffung und Planung. Grundlage für Effektive Massnahmen ist der Aufbau von know-how und Partnerschaften in den Lieferketten. Kläranlagen sollten die Transformation der Lieferketten unterstützen und gezielte Massnahmen schrittweise über das kommende Jahrzehnt umsetzen.

Eine zentrale Rolle spielt die Investitionsplanung: Was heute erneuert oder saniert wird, prägt die Emissionsbilanz für Jahrzehnte. Wirksame Netto‑Null‑Fahrpläne verbinden strategische Ziele mit der Investitionsplanung und schaffen die Basis, Fördermittel gezielt zu nutzen. Dabei ist wichtig: Nicht alle Klimaschutzmassnahmen können über Gebühren finanziert werden (z. B. gewisse NET‑Lösungen). Es braucht daher ausreichend Vorlauf für technische Abklärungen und Finanzierung (z.B. KlG‑Förderinstrumente, KliK‑Programme oder public-private Partnerschaften)


3. Drei Schritte zum Netto‑Null‑Fahrplan

Das Bundesamt für Energie BFE [6] stellt den Netto-Null-Fahrplan als strategisches Instrument auf dem Weg zu Netto-Null zur Verfügung und schafft damit auch zugang zu den KlG-Förderinstrumenten.

Der Fahrplan besteht aus folgenden drei Schritten:

Schritte zum Netto-Null Fahrplan gem. Vorgabe des BFE [6]
Schritte zum Netto-Null Fahrplan gem. Vorgabe des BFE [6]

Abbildung: Schritte zum Netto-Null Fahrplan gem. Vorgabe des BFE (2025)

Schritt 1: Treibhausgasinventar als Entscheidungsgrundlage

  1. Hotspots sichtbar machen: Prozessemissionen (N₂O/CH₄), Energie, Betriebsmittel sowie Bau/Erweiterungen systematisch erfassen.
  2. Systemgrenzen klären: Unterscheidung biogen vs. fossil; Strom/Fernwäre, Berücksichtigung von Lieferkette und Abfallentsorgung. Entscheiden wie detailliert Vor- und Nachgelagerte Emissionen berücksichtigt werden sollen.
  3. Vorlagen nutzen: Scopes‑Tool des BFE (inkl. Datenbank), Leitfaden des VSA [2, in Vernehmlassung], sowie nationale und kantonale Tools (z. B. KISS des BAFU).
  4. Rückversicherung mit BFE/BAFU: Die Zusammenarbeit mit anerkannten Beratenden für Netto‑Null‑Fahrpläne ermöglicht fachliche Klärungen direkt mit BFE/BAFU und stellt sicher, dass die Bilanzierung dem Stand der Technik entspricht [6].


Hinweis: Auf Kläranlagen entsteht zusätzlich biogenes CO₂. Dieses wird gemäss den gängigen Standards separat ausgewiesen und nicht in der THG‑Bilanz angerechnet. Damit verbunden ist insbesondere das Potential daraus Negativemissionen zu gewinnen (z. B. durch CO₂‑Abscheidung und Speicherung als Kohle). Weiter erzeugen Kläranlagen Biogas, welches erneuerbar ist und als neutrale Energiequelle fungiert. 

Schritt 2: Ziele und Zwischenziele verbindlich machen

  1. Zielbild: z. B. Netto‑Null Scope 1&2 bis 2040, −90 % Reduktion, Rest über Negativemissionen kompensieren; Scope 3 wo wirtschaftlich machbar reduzieren.
  2. Absenkpfad mit Meilensteinen: jährliches Monitoring, klare Verantwortlichkeiten und Vergleic mit den vorgesehenen Massnahmen (bottom-up).
  3. Aufbaupfad für Negativemissionen: Für schwer vermeidbare Emissionen einen planbaren Aufbaupfad für Negativemissionen vorsehen
Klare Zielsetzung mit Meilensteinen: Absenk- und Aufbaupfad im Zusammenspiel.
Klare Zielsetzung mit Meilensteinen: Absenk- und Aufbaupfad im Zusammenspiel.

Abbildung: Klare Zielsetzung mit Meilensteinen: Absenk- und Aufbaupfad im Zusammenspiel.

Schritt 3: Massnahmen priorisieren

Entscheidend ist, mögliche Massnahmen systematisch zu erfassen, ihre zeitlichen Abhängigkeiten zu anderen Projekten zu klären und sie anschliessend klar zu priorisieren. Für die Priorisierung sind Wirkung und Machbarkeit (inkl. Finanzierung) entscheidend.
Beispiel der Bewerteten Massnahmen (Achtung, ist bei jeder Kläranlage anders)
Beispiel der Bewerteten Massnahmen (Achtung, ist bei jeder Kläranlage anders)

Abbildung: Beispiel der Bewerteten Massnahmen (Achtung, ist bei jeder Kläranlage anders)

Beispielsweise könnten in einem ersten Schritt folgende Massnahmen weiterverfolgt werden:

  • N₂O‑Minderung: Prozessstabilisierung in der Biologie und Machbarkeitsstudie zur technischen Abluftbehandlung mit RTO. Beides könnte etwa im Rahmen einer laufenden Machbarkeitstudie zur Erweiterung der Biologie erfolgen.
  • CH₄ Schlupf: Messkampagne mit anschliessenden Abdichtungsmassnahmen.
  • Erneuerbare Energie: Wärme und Strom aus erneuerbaren Quellen beziehen.
  • Vor- und Nachgelagerte Emissionen: Treibhausgasbilanz uber den ganzen Lebenszyklus bei kommenden Investitionen (Bau, Fahrzeuge etc.) berücksichtigen. Teilweise können dank Synergien mit den Lebenszykluskosten auch Betriebskosten gespart werden.


Ein detailliertes Fallbeispiel wurde von Hunziker Betatech im Aqua & Gas dokumentiert [7].


4. Umsetzung in der Organisation

  • Verantwortung & Ablauf: Klar festlegen, wer wofür zuständig ist. Bei Problemen gibt es feste Eskalationswege. Einmal pro Jahr wird der Stand geprüft und offen berichtet (z. B. im Verband).
  • Jährliches Monitoring: Jährlich die Emissionen auswerten und konsistente Grundlagen (z.B. Emissionsfaktoren) verwenden. Annahmen schriftlich festhalten und Unsicherheiten klar benennen.
  • Offenheit bei Zielkonflikten: Zielkonflikte transparent machen (z. B. Energie sparen vs. mehr Stickstoff entfernen) und als Grundlage für die Entscheider zur Verfügung stellen.

6. Fazit

Kläranlagen bieten wichtige Hebel der kommunalen Klimastrategie: Ihre direkten Emissionen sind technisch gezielt reduzierbar, und ein strukturierter Netto‑Null‑Fahrplan verbindet dieses Potenzial mit klaren Zielen, Meilensteinen und Finanzierungspfaden. Das Grundprinzip ist eindeutig: vermeiden, reduzieren, verbleibende Restemissionen kompensieren – gestützt durch ein belastbares Treibhausgasinventar, eine vorausschauende Investitionsplanung und wirksame Priorisierung der Massnahmen.

Kurzfristig lassen sich vor allem N₂O‑ und CH₄‑Emissionen durch Prozessoptimierung, Abluft‑/Thermobehandlung und Leckage‑Management deutlich senken; mittelfristig rücken indirekte Emissionen (Beschaffung, Bau, Logistik) sowie Partnerschaften in den Lieferketten in den Fokus. Dafür braucht es eine Strategie, klare Zuständigkeiten und eine periodische Auswertung der Treibhausgasemissionen.

Netto‑Null in der ARA ist keine Vision. Es ist eine Frage guter Planung, kluger Reihenfolge und konsequenter Umsetzung.
just do it
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